Das Notfall-Skript für stressige Hausaufgaben-Momente bei LRS
- Ute Hagemann
- 17. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
6 Sätze, die uns rausrutschen – und was stattdessen helfen kann
„Jetzt konzentrier dich doch einfach!“
„Das kann doch nicht so schwer sein.“
„Deine Schwester konnte das in dem Alter schon.“
Kennst du solche Momente?
Ihr sitzt gemeinsam an den Hausaufgaben, die Stimmung kippt – und plötzlich ist da ein Satz, den du eigentlich gar nicht sagen wolltest. Danach kommt vielleicht das schlechte Gewissen: Warum bin ich schon wieder so ungeduldig geworden?
Wenn ein Kind eine Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) hat, kann die Hausaufgabenzeit für die ganze Familie besonders belastend sein. Das Kind kämpft mit Aufgaben, die für andere Kinder vielleicht selbstverständlich erscheinen. Eltern möchten helfen, erklären, motivieren und unterstützen – und geraten dabei selbst an ihre Grenzen.
Was dann passiert, ist nicht unbedingt eine Frage von „guten“ oder „schlechten“ Eltern. Wenn Anstrengung auf beiden Seiten nicht zum gewünschten Ergebnis führt, entsteht Stress – und unter Stress sagen wir manchmal Dinge, die wir im ruhigen Moment anders formulieren würden.
Aus meiner Arbeit mit Familien kenne ich diese Situationen gut. Und ich erlebe immer wieder, dass schon kleine Veränderungen in der Sprache einen Unterschied machen können.
Nicht, weil ein „besserer“ Satz eine schwierige Hausaufgabensituation sofort löst. Sondern weil er dem Kind vermittelt:
„Ich sehe, dass es gerade schwierig ist. Du bist damit nicht allein. Und du bist deshalb nicht falsch.“
Das kann Druck herausnehmen – beim Kind und bei den Eltern.
Hier sind sechs typische Situationen, die mir in Beratungsgesprächen immer wieder begegnen.
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1. Wenn das Kind dicht macht
Das Kind reagiert kaum noch, wird einsilbig, zieht sich zurück oder scheint gar nicht mehr richtig zuzuhören.
❌ „Jetzt reiß dich mal zusammen, das ist doch nicht so schwer!“
💛 „Ich merke, das ist dir gerade zu viel. Lass uns kurz durchatmen.“
Rückzug kann ein Zeichen von Überforderung sein. Er muss nicht bedeuten, dass ein Kind nicht mitarbeiten möchte.
Gerade Aufgaben, die viel Konzentration und Anstrengung erfordern, können irgendwann zu viel werden. Zusätzlicher Druck macht die Situation dann oft nicht leichter.
Eine kurze Pause kann helfen, die Anspannung zu reduzieren und anschließend wieder einen neuen Einstieg zu finden.
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2. Wenn die Eltern selbst am Ende sind
Die eigene Geduld ist aufgebraucht. Man hat schon mehrfach erklärt, geholfen und motiviert – und weiß einfach nicht mehr weiter.
❌ „Warum kannst du das einfach nicht? Andere Kinder schaffen das doch auch!“
💛 „Mir geht's gerade auch nicht gut damit. Lass uns eine Pause machen und später weitermachen.“
Der Vergleich mit anderen Kindern kann besonders entmutigend sein. Ein Kind mit LRS erlebt möglicherweise ohnehin schon, dass ihm bestimmte Aufgaben schwerer fallen als anderen.
Die eigene Erschöpfung ehrlich zu benennen, ohne sie dem Kind anzulasten, kann die Situation entschärfen:
„Ich merke, ich werde gerade ungeduldig. Ich brauche auch kurz eine Pause.“
Das ist keine Schwäche. Es zeigt dem Kind vielmehr, dass auch Erwachsene ihre Grenzen wahrnehmen und mit ihnen umgehen dürfen.
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3. Wenn ihr schon ewig an den Hausaufgaben sitzt
Die Zeit vergeht, aber die Aufgaben scheinen kaum weniger zu werden.
❌ „Wir machen jetzt so lange weiter, bis alles fertig ist.“
💛 „Wir machen jetzt zehn Minuten und schauen dann, wie es dir geht.“
Gerade bei Aufgaben, die ein Kind stark beanspruchen, können kurze und klar begrenzte Übungseinheiten hilfreicher sein als langes Durchhalten.
Ein überschaubares Zeitfenster kann dem Kind ein Stück Kontrolle zurückgeben:
„Wir müssen jetzt nicht schon wissen, wie wir den ganzen Berg schaffen. Wir schauen nur auf den nächsten kleinen Schritt.“
Dabei kann es sinnvoll sein, gemeinsam mit der Schule zu überlegen, welche Aufgaben tatsächlich erledigt werden müssen und wo eine Entlastung möglich ist.
Denn Hausaufgaben sollten nicht jeden Nachmittag zu einer mehrstündigen Belastungsprobe für die ganze Familie werden.
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4. Wenn das Kind weint oder wütend wird
Die Anspannung entlädt sich in Tränen, Wut oder Frustration.
❌ „Stell dich nicht so an.“
💛 „Es ist okay, dass du gerade wütend bist. Ich bin trotzdem da.“
Wiederholte Misserfolgserlebnisse können sehr frustrierend sein. Wenn ein Kind sich anstrengt und trotzdem immer wieder erlebt, dass etwas nicht gelingt, können starke Gefühle entstehen.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten einfach hingenommen werden muss.
Gefühle dürfen da sein – Grenzen dürfen trotzdem bestehen bleiben.
„Du darfst wütend sein. Aber wir werfen jetzt nicht mit den Stiften.“
So kann beides gleichzeitig Platz haben: das Gefühl des Kindes und die notwendige Grenze.
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5. Wenn Geschwister oder Klassenkameraden zum Vergleich herangezogen werden
Der Vergleich soll eigentlich motivieren. Beim Kind kommt aber häufig etwas ganz anderes an.
❌ „Deine Schwester konnte das in deinem Alter schon.“
💛 „Jeder lernt unterschiedlich. Wir schauen, was dir dabei hilft.“
Kinder vergleichen sich ohnehin miteinander. Wenn ein Kind immer wieder erlebt, dass andere etwas schneller oder leichter können, kann der zusätzliche Vergleich von außen das Gefühl verstärken, „nicht gut genug“ zu sein.
Dabei geht es nicht darum, Schwierigkeiten schönzureden.
Es geht darum, den Blick weg vom Vergleich und hin zur individuellen Entwicklung zu lenken:
Was kann mein Kind bereits? Was fällt ihm schwer? Was hilft ihm beim Lernen? Und welcher nächste Schritt ist realistisch?
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6. Wenn der Verdacht aufkommt: „Er ist einfach faul“
Manchmal schwankt die Leistung stark. Das Kind scheint an einem Tag etwas zu können und am nächsten Tag plötzlich nicht mehr.
Von außen ist dann schwer zu erkennen, wie viel Anstrengung tatsächlich dahintersteckt.
❌ „Er ist einfach faul.“
💛 „Wenn es nach ‚nicht wollen‘ aussieht, steckt manchmal mehr Anstrengung dahinter, als wir sehen – und hinter einem ‚nicht wollen‘ kann ein ‚nicht können‘ stecken.“
Das ist einer der schwierigsten Punkte.
Bei LRS kann die investierte Anstrengung deutlich größer sein, als das sichtbare Ergebnis vermuten lässt. Ein Kind kann sich sehr bemühen und trotzdem Schwierigkeiten beim Lesen oder Schreiben haben.
Deshalb lohnt sich die Frage:
„Will mein Kind gerade wirklich nicht – oder kann es gerade nicht so, wie ich es von ihm erwarte?“
Diese Frage verändert nicht sofort die Leistung. Aber sie kann verändern, wie wir auf das Kind schauen.
Und genau das kann ein wichtiger erster Schritt sein.
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Zum Mitnehmen
Keiner dieser Sätze wird eine schwierige Hausaufgabensituation auf Knopfdruck lösen.
Und natürlich werden auch Eltern weiterhin manchmal ungeduldig sein. Das gehört zum Familienalltag dazu.
Entscheidend ist nicht, immer die perfekten Worte zu finden.
Es geht vielmehr darum, dass ein Kind auch in schwierigen Momenten spüren kann:
„Ich bin nicht allein. Meine Schwierigkeiten machen mich nicht weniger wertvoll. Und wir finden gemeinsam einen Weg.“
Wenn die Hausaufgaben regelmäßig zu Streit, Tränen oder großer Anspannung führen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nicht nur auf die Leistung des Kindes, sondern auch auf die gesamte Situation:
Was ist für mein Kind gerade schwierig? Was erwartet die Schule? Was können wir zu Hause leisten? Und wo braucht es vielleicht Entlastung oder Unterstützung?
Genau dabei kann eine Elternberatung hilfreich sein.
In meiner Online-Elternberatung unterstütze ich Eltern dabei, die Situation rund um Lesen, Schreiben, Lernen und schulische Anforderungen besser einzuordnen, Unsicherheiten zu sortieren und konkrete nächste Schritte für den Familienalltag zu entwickeln.
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